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Es waren die Herren von Murbach, die Luzern das Stadtrecht verschafften. Kann Ariovist, der offiziell den Titel eines Freundes des römischen Volkes führt, lateinisch? Versuchen wir, so etwas wie eine Brückentheorie aufzustellen.

Inhaltsverzeichnis


Es waren die Herren von Murbach, die Luzern das Stadtrecht verschafften. Und unter dem Staufenkaiser Friedrich II. So sehr damit die weltliche Macht der Fürstabtei Murbach stieg, die geistige Bedeutung ging zurück. Philippe Legin, der dieses oberrheinische Fürstentum letztmals beschrieb, sieht schon zu Beginn des Jahrhunderts Anzeichen des Verfalls.

Er hat politische Gründe: Er hat kriegerische Gründe: Er hat soziale Gründe: Er hat wirtschaftliche Gründe: Das Ende brachte formell die Französische Revolution, auf deutsches Reichsrecht zurückgehende Feudalherrschaften wurden in der Nach vom 4. Aber den Zerfall der eigentlichen Kirche und der Klostergebäude hatten die Stiftsherren schon früher und selber ins Werk gesetzt.

Das verlassene Waldtal war ihnen nämlich zu langweilig geworden, sie zogen hinab nach Guebwiller, das sie zum Städtlein ausbauten, aber auf keinen Fall demokratisch regiert wissen wollten.

Somit zogen die Stiftsherren nach Guebwiller, kehrten aber nie mehr zurück, weil für den geplanten Umbau das Geld ausging. Sie blieben im Städtlein. Der revolutionäre Zorn der Leute aus dem Lauchtal richtete sich schon nicht mehr gegen die verlassene Stiftskirche in Murbach, sondern es wurden die Häuser der Stiftsherren in der Stadt geplündert, die Weinkeller ausgetrunken. Die letzten Stiftsherren versuchten wenigstens die Archive zu retten, ohne grossen Erfolg.

Kärgliche Reste landeten im Departementsarchiv zu Colmar, der Grossteil wurde gestohlen, verschachert, unter der Hand verkauft. Eine Restauration aus dem letzten Drittel des Jahrhunderts hat die beiden Türme der Stiftskirche von Murbach einigermassen gerettet. Sie stehen da als Zeugen einer tausendjährigen Geschichte, die seit Jahren ohne Fortsetzung ist.

Alle Departemente, Kantone, Länder und Nationen in der Nachbarschaft von Murbach sind jüngeren Datums und haben wenig Chancen, jemals auf Jahre kontinuierlicher Geschichte zurückblicken zu können. Kaiser sind über sie geritten und gezogen, Könige und Heerführer, geistliche Herren und Flüchtlinge: Sie soll die erste und lange Zeit die einzige zwischen dem Bodensee und der Nordsee gewesen sein — ein Märchen. Fridolin Leuzinger hat ein einer Artikelserie die Dinge historisch zurechtgerückt: Die Basler Rheinbrücke war, regierungsrätlichen Reden zum Trotz, weder die erste noch die einzige.

Ihr Erbauungsdatum kennen wir genau, es ist Aber jetzt wissen wir auch, dass schon ein Rechtsstreit zwischen einer Äbtissin von Säckingen und dem Schirmvogt von Laufenburg, einem habsburgischen Gefolgsmann, entbrannte, der sich um die dortige Brücke drehte. Also muss sie ja wohl schon vor der Basler Brücke gestanden haben.

Wir müssen Abschied nehmen von einer für Basel allzu schmeichelhaften Legende, aber das soll uns nicht hindern, noch einmal die Brücken sowohl in Basel wie oberhalb und unterhalb der Stadt ins Auge zu fassen. Versuchen wir, so etwas wie eine Brückentheorie aufzustellen. Wovon gehen wir aus? Am besten wohl von einer These.

Jede Brücke in und um Basel entspringt einer exakten historischen, also auch ökonomischen, sozialen, militärischen und verkehrstechnischen Entwicklungsstufe, die man im geschichtlichen Zusammenhang begreifen sollte.

Was macht ein Mensch, der an einen Fluss kommt? Er versucht auf die andere Seite zu gelangen. Das kann schwimmend oder auf einem Floss geschehen. Und wenn er Vieh mit sich führt? Schon eine Kuh in einen Weidling zu stellen, ist nicht gerade ein glückliches Unternehmen. Dann sucht er eben nach Furten, das heisst nach Stellen von niedriger Wasserführung, über die man zwar mit nassen Füssen, aber doch auf eigenen Beinen schreiten kann.

Nun darf man sich viele Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende zurück, den Rhein nicht wie heute vorstellen. Er war ungebärdiger, gelegentlich bei Niedrigwasser auch sanfter. Es gab noch keine Kanäle und Staustufen. Ein trockener Spätsommer konnte den Rhein so absinken lassen, dass man ihn tatsächlich durchwaten konnte.

Man kennt die entsprechenden Stellen, sie liegen bei Wallbach, Rheinfelden und Kleinhüningen, wo der Rhein nach der Enge bei Basel plötzlich breit und von Inseln durchsetzt zu werden begann. Da müssen unsere keltischen Urahnen samt ihren Tieren durchgewatet sein. Die frühere Keltensiedlung am unteren Rand des heutigen Basel bei der ehemaligen Sandoz könnte etwas damit zu tun haben.

Auf jeden Fall war dort der Rhein weniger tief und reissend. Er liess sich einfacher mit Fahrzeugen überqueren als in Basel selber. Flüsse waren schon früher Transportwege. Und an diesem Punkt, eben knapp unterhalb des heutigen Basel, war die Landverbindung zwischen dem Doubs und dem Rhein die kürzeste. Also war das ein idealer Platz für handeltreibende Leute. Dann kamen die Römer. Sicher bestand zu römischen Zeiten bei Kaiseraugst eine Brücke oder eine als Brücke dienende Anlage über den Rhein, das bestätigen Überreste einer rechtsrheinischen Anlage.

Als der römische Grenzwall, der limes, weit nach Norden Richtung Augsburg verlegt wurde, spielte der Rheinübergang bei Kaiseraugst militärisch eine wichtige Rolle. Der Rhein in der Basler Gegend biegt sich ab wie ein Knie. Die heutige Stadt kann man als einen viergeteilten Kuchen sehen: Jahrhundert tauchen rechtsrheinisch die Alemannen auf, auf der linken Seite bleiben die romanisierten Kelten, die Gallorömer.

Oder wie der frühere Kantonsarchäologe Rudolf Moosbrugger sagt: Der Rhein war zum Röstigraben geworden. Von Brücken vernehmen wir nichts. Jahrhundert entsteht eine neue Situation. Das Elsass ist habsburgisches Stammland, das sich um die auch weltlichen Herrschaften der Bischöfe von Strassburg und Basel in Richtung auf die heutige Schweiz und den Rhein aufwärts erweitern will. Verschiedene klösterliche Herrschaften, aber auch die sich unter dem Bischof zünftisch organisierende Stadt, sehen sich eingeengt.

Die Brücke bei Rheinfelden wurde vermutlich schon gebaut, diesmal von den rechtsrheinischen Konkurrenten der Habsburger, den Zähringern. Für Säckingen darf man ebenfalls eine alte Brücke für die Jahre um annehmen. Er konnte sie nicht allein finanzieren, die weiteren Geldgeber waren der Abt von St. Blasien und der Prior von Bürgeln. Auch das hat seine politische Logik. Verkehr und Handel sollten nicht in das zähringische oder habsburgische Gebiet abwandern.

Und was nicht weniger wichtig ist: Erst mit dieser Brücke wurde die systematische Besiedlung des Kleinbasel möglich. Es wurde eigentlich wie Manhattan angelegt — drei Parallelstrassen zum Rhein und senkrecht dazu die verbindenden Gassen.

Da Basel seit dieser Zeit bis ins Jahrhundert hinein die dominierende Stadt am Oberrhein war, wurde diese Vorgängerin der heutigen Mittleren Brücke bald einmal die wichtigste. Über sie kamen und gingen die Fuhren ins Wiesental und nach Süddeutschland, auf ihr zogen die gekrönten Häupter Russlands, Österreichs und Preussen auf ihrem Feldzug gegen das napoleonische Frankreich in Basel ein.

Aber diese dem Handel dienende, die herrschaftliche Stellung Basels markierende und den süddeutsch-schweizerischen Verkehr aufnehmende Brücke hatte seit dem Ende des Von Hüningen aus wurde zuerst auf die sogenannte Schusterinsel und dann zeitweise bis auf das markgräfliche Ufer eine Brücke geschlagen, meistens eine schwimmende, gelegentlich wohl auch eine solide Holzkonstruktion.

Ihr Zweck war militärischer Natur, gewiss diente sie auch zivilen Zwecken. Für die Basler, die zwar einen Teil der Schusterinsel mit Kleinhüningen ihr eigen nannten, war sie doch eher exterritorial.

Und man sah sie nicht gerne, weil von ihr aus ja der ganze Schiffsverkehr durch die Franzosen kontrolliert werden konnte. Sie bekam den Spottnamen einer Brille auf der Nase der Basler. Also lautet der Brückentheorie erster Teil: Keltische Furten, römische Militärbrücken, zähringisch-habsburgische Verbindungsbrücken, eine als politische Antwort gemeinte Basler Brücke, eine französischen Kriegszielen dienende Behelfsbrücke.

Jede einzelne hat ihre historische Logik. Seit den Studententagen hatten wir uns kaum mehr gesprochen, waren uns — selten genug — nur gelegentlich begegnet. Aber jetzt, als ich über den Basler Münsterplatz ging, stand er mit zurückgeworfenem Kopf vor der Münsterfassade und blickte steif in die Höhe.

Was starrst du so? Ich treibe Botanik, sagte er, siehst du die grossen Rosen unterhalb der Brüstung? Und was sind es für Rosen? Riesige, sagte ich, und gefüllte. Sicher keine einheimische Rose, sagte er, eher eine orientalische. Eine centifolia, also eine hundertblättrige. Ich habe 68 dieser Rosen gezählt, jede hat wohl einen halben Meter Durchmesser.

Man darf sich vorstellen, dass die aus dem vorderen Orient heimgekehrten Kreuzritter die Kunde, vielleicht sogar Exemplare, dieser Rose mit nach Hause brachten. Und jetzt zieren sie die Münsterfassade. Das Münster ist ja eigentlich eine Marienkirche, und Rosen sind der Maria zugeordnet. Das war der Anfang eines längeren Gespräches, bei dem ich nur der nehmende Teil war. In der Romanik Rundbogen, sagte der Lehrer wimmelt es neben verschlungenen Ornamenten von Tieren, Fabelwesen, typisierten Menschenfiguren.

Eindrücklich ist eine Fahrt ins elsässische Rosheim. In der Gotik Spitzbogen, sagte der Lehrer wandelt sich die Bildersprache: Du findest Efeu, Weissdorn, Haselnuss, Hahnenfuss oder Storchenschnabel, Eichenblätter, Erdbeeren und das Blatt der Zaunrübe samt ihren gewundenen Ranken und den kleinen, giftigen Beeren — übrigens häufig und irrtümlich als Weinblatt interpretiert.

Da siehst du die Hagrose und das Hundsröschen, wie sie noch heute in unseren Gärten blühen. Georg in Schlettstadt, die Marienkirchen von Freiburg und Basel sind überwältigende botanische Lektionen. Man kann sich sogar fragen, ob die gotische Kirche nicht als Ganzes eine letztlich botanische Erscheinungsform ist. Was sitzt zuoberst auf einem gotischen Turm?

Eine Kreuzblume, sagt der Fremdenführer. Aber was ist die Kreuzblume botanisch? Man muss nur einmal eine solche Kreuzblume, in der Fotografie von oben aufgenommen, näher betrachten. Da sieht man eine vierblättrige Blüte mit ausgefransten Blütenblättern, den Fruchtknoten genau in der Mitte und nagelartig abstehenden Staubgefässen zwischen den Blütenblättern.

Es ist die Raute, die in Italien und auf dem Balkan heimische Weinraute, ruta graveolens, deren Blätter sich eben in ein eigentliches Rautenwerk auflösen. Und diese Pflanze heisst gelegentlich im Volksmund noch immer Kreuzblume. Aber es wird noch verwirrender:. An den gotischen Kirchen laufen den Kanten von Stützmauern oder Dächern entlang oft Leisten mit regelmässig verteilten Noppen, knospen- oder knollenartigen Widerhaken, man spricht dann von Krabben.

Doch sie erinnern eigentlich wenig an Krebse. Das italienische Wort grappa meint ja auch eine Klammer, die französische agrafe kommt von daher. Die noch nicht geöffnete Blüte der Weinraute hat genau diese Form.

Also darf man sich die gotische Kathedrale insgesamt als eine riesige Weinraute vorstellen, auf der oben die Kreuzblume blüht, die ruta graveolens, übrigens eine stark duftende Pflanze, deren Staubgefässe die Nägel im Kreuz symbolisieren könnten.

Und die Kurven in den Fenstern und Deckengewölben der gotischen Kirche simulieren die Kurven, in denen die Weinraute ihre Stiele und Blätter entfaltet.

Die botanische Symbolik dieser drei Kirchen in Basel Freiburg und Schlettstadt ist in ein dicht gewobenes Netz von Bezügen eingelassen. Warum Rebenblätter und Trauben? Christus spricht vom Wein als von seinem Blut. Efeu trägt immergrüne Blätter, er ist konstant. Das Holz der Eiche fault nicht, überdauert die Zeiten. Die Kirche in Schlettstadt ist keine Marienkirche, also tritt die Rose als Schmuck zurück, ich habe nur eine gesehen, wahrscheinlich war es eher eine Pfingstrose.

Überhaupt treten Rosen und Pfingstrosen gerne abwechselnd auf; die Pfingstrose ist ja diejenige Rose, die den einzigen Nachteil der echten Rose nicht hat: Wer in einem homöopathischen Lehrbuch blättert, findet viele der im Kirchenschmuck nachgebildeten Pflanzen als Heilpflanzen wieder, dazu gehören die Weinraute selber, der Hopfen, der Efeu und die rätselhafte Zaunrübe, der man, obwohl sie selber giftig ist, entgiftende Wirkungen zuschreibt.

Somit hilft sie auch gegen böswillige Liebestränke, wird also zur Beschützerin der Jungfräulichkeit. Und was bedeuten Storchenschnabel, Hahnenfuss, Scharbockskraut und Haselwurz? Ich habe in Freiburg am Münster einen Lastesel mit Sack gefunden, der einen Acanthus, also eine Stachelähre oder einen Stachelbärenklau, frisst. Der Acanthus ist der Schmuck der korinthischen Säulenköpfe im alten Griechenland. Jahrhundert, wo jetzt der Pflanzenschmuck des klassischen Altertums vom romanischen Esel gefressen wird, damit die botanische Welt der Gotik aufschiessen kann.

Wie wenig wissen wir über diese Dinge! Eine nicht gemachte Hausaufgabe? Aber ob sie schon als abgeschlossen gelten kann? Hans Wackernagel, botanisch so beschlagen wie zoologisch kompetent, den Baslern als langjähriger Sprecher des Zollis aus den Zeitungen und vom Lokalradio bekannt, lachte mit blinzelnden Augen.

Wenn man über so unvergleichliches Anschauungsmaterial in nächster Nähe verfügt — es lohnt sich schon, mit einem botanischen Auge von Basel nach Freiburg und Schlettstadt und in noch viele Elsässer und Breisgauer Städte zu fahren.

Alle Macht den Pflanzen — das war die oberrheinische Gotik. Erhard Richter in Grenzach ist einer der Historiker, die gern die kleinen und manchmal die kleinsten Verhältnisse genau unter die Lupe nehmen. Die Geschichte grosser Nationen ist gewiss interessant, auch diejenige einer ganzen Region, wie wir sie am Oberrhein vorfinden, aber spannende wird sie besonders dann, wenn man an einer einzelnen Zelle das Schicksal des ganzen Organismus ablesen kann.

Und so hat sich Erhard Richter über Grenzach gebeugt und erzählt dessen Geschichte, die diejenige einer Jahre alten Wiedervereinigung ist. Es ist wieder eine grenzüberschreitende Geschichte.

Aber nun nicht zwischen dem südbadischen Grenzach und dem schweizerischen Basel, vielmehr steigen wir in die Vergangenheit des noch nicht schweizerischen Bistums Basel und seiner nördlichen Nachbarn zurück. Da erinnern wir uns daran, dass ursprünglich in der Basler Gegend Kelten wohnten, die sogenannten Rauracher oder Rauriker. Dann kamen die römischen Legionen, die ausziehwilligen Helvetier und Rauracher wurden bei Bibrakte militärisch aufgehalten und mussten in ihre alten Gebiete zurückkehren.

Augst, eine römische Kolonie, verlor langsam an Bedeutung zu Gunsten von Basel. Sie sass auf der linken Rheinseite, denn auf der rechten Rheinseite erschienen um die Wende des 3. Man darf sich diese beiden Kulturen, die gallorömische und alemannische, nicht nur in einem feindlichen Gegensatz vorstellen. Wir haben Zeugnisse, dass sie sich zum Teil sogar sehr gut arrangierten.

Aber ein Gegensatz prägte sie: Die Gallorömer lebten gern in Städten, die nicht viel mehr als ein befestigtes Militärlager waren; die Alemannen dagegen zogen eine offene Besiedlung vor, ihre Zentren waren nur in Krisen bezogene Fluchtburgen.

Der Münsterhügel von Basel war eine mit Mauer und Wall befestigte Kleinstadt; auf dem Gebiet, wo heute die Kirche von Grenzach steht, befand sich eine alemannische Ursiedlung. Und zwischen Grenzach und dem heutigen Kleinbasel lag in der Nähe des Warteck-Areals das sagenhafte alemannische Fischerdorf Oberbasel, wiederum eine Fluchtburg.

Darum sind die Strassennamen Alemannengasse, Römergasse, Burgweg und Fischerweg, geschichtlich betrachtet, zutreffend gewählt. Wer von Basel auf dem rechten Ufer rheinaufwärts fährt, erlebt Grenzach als eine Art Strassendorf, die beiden Dorfteile liegen links und rechts der Durchgangsstrasse. Er fährt, ohne es zu ahnen, auf einer alten politischen Grenze. Es gibt, oberhalb der Strasse, ein nördliches Grenzach, das an Riehen und Bettingen stösst, und es gibt unterhalb ein südliches, das von der Strasse bis an den Rhein reicht.

Die naive Frage könnte lauten, warum eigentlich Grenzach, als Zipfel zwischen dem Rhein und den baselstädtischen Landgemeinden eingeklemmt, nicht zu Basel als eine Art Kleinbasler Vorort gehört? Diese Frage führt in die feudalen Zeiten zurück, vor allem ins Jahrhundert, als sich herausbildete, was wir als Grundherrschaften bezeichnen, also von einem Lehensherrn verliehene oder ihm unterstellte Herrschaftsrechte und -bereiche, die manchmal erblich waren, manchmal aber auch nur dem Lehensträger im Sinn eines Amtes verliehen wurden.

Es war der Bischof von Basel nicht der einzige Herr, der in der oberrheinischen Ecke nach grösseren Territorien strebte. Er hatte machtvoll Konkurrenten, unter denen ein Geschlecht besonders hervorsticht. Es sind die Herren von Röteln oder Roetelen. Diese Herren von Röteln tauchen im Jahrhundert auf, sind nach dem Zerfall der zähringischen Herrschaft nur noch dem Kaiser untertan. Das war , ein Jahr später wurde Luthold im Basler Münster begraben.

Somit wurden die Besitztümer der Herren von Röteln markgräflich. Nun aber gab es aus noch älteren Zeiten eine andere Herrscherfamilie am Oberrhein, das waren die Habsburger. Ihr Besitz auf dem rechten Rheinufer bezeichneten sie als vorderösterreichische Lande. Deren Verwaltungszentrum war Rheinfelden, wo das habsburgische Wappen heute noch am Stadttor prangt.

Das südliche Grenzach, vom Rhein bis an die Strasse, gehörte zum vorderösterreichischen Besitz, das nördliche gegen Riehen und Bettingen zur Markgrafschaft. Die Strasse bildete die Grenze. Die Sache kompliziert sich noch weiter, da die Markgrafen von Hachberg nach das obere Grenzach an die Herren von Bärenfels als Lehen gaben. Diese Familie war zugleich im südlichen Grenzach ein Gläubiger Österreichs, besass dort verschiedene Pfandliegenschaften. Er kümmerte sich schon lange nicht mehr um die oberrheinische Markgrafschaft, da ihn ganz andere Möglichkeiten in Frankreich lockten, wo er Marschall von Burgund und Gouverneur der Provence geworden war.

Also ging jetzt der Besitz der Herren von Bärenfels im nördlichen Grenzach in ein markgräflich baden-durlachsches Lehen über, im südlichen Grenzach blieben die Bärenfels als Darlehensgeber der Österreicher Lehensherren. Es gab dauernd Streit, alle möglichen Gerichte wurden in Anspruch genommen, bis endlich der baden-durlachsche Markgraf Karl August das Lehen im oberen Grenzach von den Bärenfels zurückkaufte und von Österreich auch den unteren Teil von Grenzach käuflich erwarb.

Die Bärenfels nahmen das Geld und erwarben das Rote Haus bei Muttenz, das sie offenbar sehr gastfreundlich bewirtschafteten und bewohnten. Und jetzt fahren wir nach Pfirt, französisch Ferrette.

Vielleicht auch dem Käse zuliebe, vor allem aber, um wieder einmal den Sundgau mit seinen alten Bäumen zu erleben. Was ist das für ein merkwürdiger Ort, in den Hügeln versteckt und aufgeteilt in die zwei Niederlassungen Pfirt und Alt-Pfirt? Man gewinnt bei einem oberflächlichen Besuch den Eindruck, dass der Teil, der sich Alt-Pfirt oder eben Vieux-Ferrette nennt, eigentlich der neuere sei, wohingegen das eigentliche Pfirt ganz mittelalterlich daherkommt, weil es sich an das Schloss — ursprünglich zwei Schlösser — anschliesst.

Beginnt man in Pfirt geschichtlichen Spuren nachzugehen, so ist die Mischung von Deutsch und Welsch, von Elsass und Jura, von Frankreich und vorderösterreichisch-deutschen Elementen unübersehbar. Das beginnt schon früh, lange vor zum Beispiel. Und sein Sohn Ludwig I. Die Grafen von Pfirt waren also von Anfang an mit den beiden grössten damaligen Herrscherhäusern am Oberrhein liiert.

Und wo bleiben die Basler? Gemach, Graf Friedrich II. Sein Bruder Graf Ulrich I. Seit war somit die Grafschaft Pfirt basel-bischöfliches Lehen.

Der hatte nur zwei Töchter namens Johanna und Ursula. Ursula trat ihre Rechte an Pfirt an Johanna ab. Graf Ulrich befürchtete, dass der Basler Bischof nach seinem Tod erneut die Hand auf die Grafschaft legen würde, also verhalf er einem seiner Gewährsmänner dazu, Basler Bischof zu werden. Dieser musste nur vorher die Erbberechtigung der gräflichen Tochter anerkennen, was auch geschah. Alles hing nun davon ab, wen Johanna heiraten würde. So kam die Grafschaft Pfirt als ein Lehen des Basler Bischofs an das Haus Österreich, das bekanntlich in Sachen Hoheitsrechte wenig Spass verstand und was es einmal erheiratet hatte, möglichst lang behielt.

Liest man die wenigen Ereignisse nach, die wir aus dem Leben des Grafen von Pfirt kennen, so gewinnt man den Eindruck, dass die ordnende Hand der Habsburger ein Segen war. Denn die Pfirter Grafen waren keine bequemen Herren. Sein Sohn Ludwig von ähnlichem Temperament soll ihn erschlagen haben.

Dass nach die Grafschaft österreichisch wurde, mussten die Leute in diesem von Fehden immer wieder geschüttelten Gebiet als Erleichterung empfinden, die Basler freilich auch als bedrohlich. Denn jetzt sassen die Österreicher rheinaufwärts im Fricktal und in Rheinfelden, dazu im Breisgau, hatten Herrschaftsrechte im Elsass und schlossen die Klammer um Basel herum mit dem Erwerb der Grafschaft Pfirt.

Bis in die Wende vom Jahrhundert, also dem Schwabenkrieg und König Maximilian von Österreich, war die baslerische Gefühlslage gespalten in Respekt und Furcht vor dem Hause Habsburg und in Anerkennung seiner friedenstiftenden Tätigkeit.

Pfirt selber bestand zuerst aus dem heutigen Alt-Pfirt, nach dem die ersten Grafen sich nannten. Um errichtete Friedrich I. Sogleich siedelten sich Dienstleute und Handwerker am Berghang an.

Die sogenannte Oberstadt, ursprünglich abgeschlossen durch zwei Tore, das heutige Pfirt, war eine systematische Gründung. Die Unterstadt entstand aus einem ursprünglich dem Hospiz vom Grossen St.

Bernhard unterstellten kleinen Kloster; sie entwickelte sich vermutlich erst im Damals aber gehörte der Sundgau schon zur französischen Krone, die ihn mit Teilen des Elsass als Lehen an Mazarin übergeben hatte. Die habsburgische Klammer war aus der Sicht der Basler wieder aufgebrochen, der Ring war gesprengt.

Wie gefährlich aber die Nachbarschaft der beiden grössten kontinentaleuropäischen Mächte Habsburg und Frankreich werden konnte, zeigte sich in den ausbrechenden Kriegen zwischen dem republikanischen Frankreich und dem deutsch-österreichischen Kaiser. Die alte Eidgenossenschaft fand weder militärisch noch diplomatisch die Mittel und Wege, um in diesem Konflikt zu bestehen, und brach zusammen. Sie erinnern daran, dass über viele Jahrhunderte Österreich der wichtigste Nachbar Basels war, der gelegentlich auch versucht hatte, Basel einzukreisen und es sich einzuverleiben.

Der Bund der schweizerischen Urkantone ist besiegelt, er hat sich zum Bündnissystem der acht alten Orte erweitert. Aber Basel ist noch Bischofsstadt, Reichsstadt, ist nächster Nachbar zum Markgrafen von Hachberg-Sausenberg in Röteln, zu den Habsburgern in Rheinfelden und Ensisheim und, etwas weiter entfernt, zu den burgundischen Herzögen.

Verglichen mit den Städten, die heute die Schweiz bestimmen, ist es gross; verglichen mit rheinischen Städten wie Strassburg oder Köln, ist es klein. Wir sind in den ersten Jahren des Einer der reichsten Basler dieser Zeit finanziert adlige Grundherren rundum, indem er ihnen Vorschüsse gibt, dafür ganze Herrschaften als Pfand übernimmt. Er wohnt am Rheinsprung, da wo heute die alte Universität steht.

Wie eine ausserordentliche Vermögenssteuer erhoben wird, weist er ein Vermögen von über 10' Gulden aus. Nach heutigem Geldwert wäre er millionenschwer. Auch die Herzoge von Österreich sind seine Kunden, gegen einen Vorschuss hat er die auf einem Felskopf gelegene Stammburg der Grafen von Rheinfelden, den sogenannten Stein von Rheinfelden, zum Pfand übernommen.

Sein Name ist Jakob Zibol. Von der Welt hat er mit seinen politischen Erfolgen und seinem Geld nicht mehr viel zu erwarten, er wendet sich anderen Dingen zu. Er kommt viel herum, da sein Stand als Achtburger ihn in die Nähe des Adels rückt, seine diplomatischen Fähigkeiten sind gesucht.

Als Oberstzunftmeister wird er mit einer Gesandtschaft nach Nürnberg geschickt, wo man den Baslern unter den Sehenswürdigkeiten der Stadt auch das Kartäuserkloster zeigt. Es imponiert ihm, er möchte mit den Mönchen reden. Ein Nürnberger Prior ruft sie zusammen. Nun verbringen die Kartäuser, als Orden im Jahrhundert gestiftet und seit vom Papst anerkannt, ihr Leben in der Regel schweigend und einzeln in ihren Zellen, Aussprachen finden nur an Sonn- und Feiertagen statt.

Aber auf Geheiss des Priors reden die Mönche mit Jakob Zibol, und da erfährt der Basler auch, dass ihre Kartause von einem reichen Nürnberger namens Marquard Mendel gestiftet worden sei. Zibols Entschluss ist gefasst, er will auch in Basel ein solches Kloster gründen. Dazu braucht er geistliche Hilfe. Was er noch nicht weiss: Er hat sogar einen Strassburger Kartäuser namens Wynand nach Röteln kommen lassen, um sich mit ihm zu beraten.

Wynand ist in der oberen Markgrafschaft zu Erkundungszwecken herumgeritten, hat aber keine passenden Örtlichkeiten gefunden. Sie waren bald zu nahe bei den Leuten, bald zu weit weg. Wynand schien es überdies, dass der Markgraf nicht ganz über die nötigen Mittel verfüge, die Existenz eines Klosters auf die Dauer zu garantieren. Nachträglich erfährt Zibol von diesen Verhandlungen, sofort lässt er seinerseits Wynand kommen. Er hat unterdessen einen ihm gut scheinenden Platz gefunden: Mit dem Erwerb des Kleinbasels fiel er an den Rat.

Wynand kommt, erkundigt sich nach dem Stand und dem Vermögen Zibols, zusammen besichtigen sie die Liegenschaft mit Baumgarten, Reben, verschiedenen Gebäuden und Scheunen. Wynand ist erfreut, das sind bessere Voraussetzungen als beim Markgrafen.

Kann man die Liegenschaft kaufen? Da Zibol selber zum Rat gehört, kein Problem. Als die Ratskollegen hören, dass Zibol den Hof nicht für sich, sondern für ein Kartäuserkloster erwerben will, herrscht sogar Begeisterung. Dezember wird man sich einig, der Preis beträgt Rheinische Gulden.

Sicherheitshalber holt man die Einwilligung des Probstes von St. Alban ein, der alte Rechtstitel auf diesen Hof geltend macht. Zibol zeigt sich weiter grosszügig, mit dem Einverständnis seiner Erben überschreibt er dem Kloster Einkünfte in Form von Kornlieferungen von seinen Gütern in Ötlingen.

Eine alte Margarethen-Kapelle gegen den Rhein, eine Schwachstelle in der Befestigungsmauer, darf mit Zustimmung des Rates abgebrochen werden, sie liefert Steine für einen Neubau. Der Bischof von Konstanz, geistlicher Herr über Kleinbasel, ist ebenfalls einverstanden. Die Kartause wird der Heiligen Margaretha gewidmet. Die ersten Kartäuser übersiedeln von Strassburg. Die ganze Klosteranlage ist noch reichlich primitiv, Zibol muss mehr als einmal Lebensmittel zur täglichen Verpflegung über den Rhein schaffen.

Das neue Kloster gefällt dem Pfarrer zu St. Er zahlt noch einmal Rheinische Gulden an das Domkapitel, dann geben sich die Herren zufrieden.

Wynand selber ist Prior in Basel geworden, beginnt der Bau der Kirche. Alles scheint so harmonisch, da bricht die Katastrophe ein: Zibol ist auch Burgherr in Rheinfelden, als solcher den Habsburgern verpflichtet, zugleich ist er Basler Amtsträger.

Zu wem hält Rheinfelden? Zu keinem von beiden, aber die Zibols sind unaufmerksam, die Rheinfelder überrumpeln die Burg, nehmen einen jungen Zibol gefangen. Darauf kerkern die Basler den österreichischer Sympathien verdächtigen Vater mit den anderen Söhnen ein. Die Sache kompliziert sich weiter, da die burgundische Schwägerin Friedrichs ebenfalls Ansprüche auf Rheinfelden erhebt, es wird ein Dreieckskrieg zwischen Basel, Friedrich und Katharina von Burgund.

Jetzt geht es ans gute Geld, Zibol wird nicht nur seiner Ämter entsetzt, sondern mit 12' Gulden gebüsst, eine enorme Summe. Er ist ein gebrochener Mann. Er lebt noch, als der Markgraf als Vermittler den Streit beilegt, sogar ein Bündnis zwischen den Baslern und Katharina zeichnet sich ab. Dann stirbt er Doch die Kartause ist gesichert. Die Zellen sind heute abgerissen, nur das Haus des Priors und die Kirche stehen noch, sie bilden zusammen den Komplex des Basler Waisenhauses. In unserem Selbstverständnis ist das Dreiland am Oberrhein dadurch charakterisiert, dass über die Grenzen der Nationalstaaten Frankreich, Deutschland, Schweiz hinweg allerhand nachbarschaftliche Gemeinsamkeiten, aber auch die Landschaft — der Oberrhein mit seinem Auslauf nach dem Sundgau und Jura — ein zusammenhängendes Gebiet erkennen lassen.

Es hat, mehr im Kleinen als im Grossen, eine gemeinsame Geschichte, einen ähnlichen Lebensstil, verwandte Architektur; es hat aber auch Gegensätze, mit denen schon frühere Generationen fertig werden mussten: Das Dreiland ist als ein Randgebiet abhängig von ungleich grösseren Mächten.

Es fühlt aber ebenso die Verlockung, unabhängig von diesen grösseren Mächten seine Dinge selber zu regeln — gelegentlich auf eine Weise, die diesen grösseren Mächten nicht recht gefällt. Das Gefühl der relativen Kleinheit und zugleich der Andersartigkeit bricht immer wieder durch; es schafft sogar eine gewisse innere Übereinstimmung, die dazu führt, dass der Jurassier und der Elsässer, der Markgräfler und der Basler sich besser verstehen als Schweizer, Deutsche und Franzosen.

In diesem von den Baslern Regio getauften Gebiet, so klein es im Verhältnis zu Deutschland, Frankreich und der Schweiz ist, gibt es noch einmal Miniaturregionen, die — wie Fraktale auf einem Computer — das Bild der gegenseitigen Verzahnung im Kleinen reproduzieren. Wer von den heutigen Schweizern und Franzosen hat sich schon gefragt, warum der Pruntruter Zipfel mit der Ajoie so merkwürdig und ein wenig wie eine Blase in Richtung Frankreich ausgestülpt ist?

Warum folgt seine Grenze nicht dem Doubs, der, von Pontarlier kommend, nördlich von La Chaux-de-Fonds eine Zeitlang tatsächlich die heutige Landesgrenze bildet, dann aber wie ein Haarnadel in das schweizerische Gebiet hineinsticht, bei St.

Ursanne einen Bogen macht, um wieder Richtung Frankreich zu entschwinden? Diese auf der Hand liegende Frage führt sofort in die Geschichte, eine Geschichte so alt wie diejenige der unterdessen jährigen Eidgenossenschaft, und wenn man will noch einiges älter. Die Luftlinie von der Krümmung des Doubs bei St. Ursanne bis nach Basel liegt unter 40 Kilometern. Von der Antike bis ins Mittelalter war der Warentransport zu Wasser der leistungsfähigste und bequemste. Wollte man also Güter vom Doubs auf den Rhein, der hauptsächlichsten Verkehrsader Mitteleuropas, weiterspedieren, musste man diese Distanz auf dem Landweg überwinden.

Nachgewiesen ist, dass solche Verbindungen schon zu Beginn unserer Zeitrechnung existierten. Die heute noch fühlbare Geschichte beginnt wenige Jahre vor dem Bund der ersten Urkantone und zwar genau im Jahr Er gab der Stadt Pruntrut, im Herrschaftsbereich des Basler Bischofs gelegen, verbriefte städtische Freiheitsrechte, die er eben auch als eine Art Dank und Kompliment an den Bischof deklarierte.

Er machte sich die Sache einfach: Damit waren die Steine gesetzt. Am südwestlichen Ende der Regio bildete sich eine Miniaturregio, die insofern spannend ist, als man sich hier in der alten Übergangszone vom deutsch-alemannischen in den französisch-burgundischen Raum befindet — das eigentliche Elsass war ja noch deutschsprachig. Zwei Mächte standen sich gegenüber, Mächte im regionalen Massstab wohlverstanden: Dank einer Frau wurde dieser Gegensatz auch im grösseren Rahmen spannend. Sie heirateten, Eberhard starb früh, Henriette regierte das Land mit weiteren linksrheinischen Herrschaften im Elsass und musste es dann ihren Söhnen abtreten.

So kam die Grafschaft Mömpelgard in württembergischen Besitz — und blieb es bis zur Französischen Revolution. Das hatte Folgen zum Beispiel während der Kirchenreformation. Ulrich von Württemberg sorgte dafür, dass die Grafschaft Mömpelgard lutheranisch wurde; der aus der Stadt vertriebene Fürstbischof von Basel setzte alle Kräfte ein, die Ajoie beim alten Glauben zu halten.

Zwischen und standen sich zwei Landesherren gegenüber, die in mehr als einer Beziehung vergleichbar sind: Dass die Grafschaft Mömpelgard in den französischen Religionskriegen zahlreichen Hugenotten, die calvinistisch und nicht lutheranisch gesinnt waren, Unterschlupf bot und von ihren kommerziellen Talenten profitierte, geht auf die Politik Friedrichs von Württemberg zurück, der über die Grafschaft enge Kontakte zu den französischen Königen Heinrich III.

In der Miniaturregio am Rand der Regio spiegelt sich noch einmal europäisches Schicksal, zu dem auch die gegenseitigen grausamen Verheerungen durch eine immer wieder angemietete Soldateska gehörten. Das Fürstbistum Basel überlebte auch nicht, wurde der jurassische Teil zum Kanton Bern geschlagen, und es brauchte noch einmal mehr als Jahre, bis die Ajoie mit dem Hauptort Porrentruy in den neuen Kanton Jura überging.

Der Name Armleder tönt irgendwie vertraut. Man schmeckt ihm auch sein Alter an. Sind die Armleder Elsässer, Süddeutsche oder Schweizer?

Und wieso tönt dieser Name so geschichtlich? Jetzt schlage ich bei Hellmut G. Und finde dort im ersten Band Nachrichten — keine schönen — über einen König Armleder. Sogar seinen richtigen Namen weiss Haasis: In der dortigen Kirche ist er begraben, noch erkennt man den beschädigten Grabstein, wie ihn Klaus Arnold beschrieb:. Es ist ein jugendliches, bartloses Antlitz über einem betont breiten Hals, auf dem die Klinge eines Schwertes aufliegt.

Gehalten wird dieses von einer kleineren, auf der Umrahmung sitzenden Gestalt, deren Oberkörper und Kopf verloren sind. Die Scheide zur Rechten des Mannes ist leer, um anzudeuten, dass es sein eigenes Schwert ist, das ihm den Tod bringt.

Seine Hände sind nicht, wie man erwarten könnte, gefaltet; vielmehr übereinandergelegt mit erkennbaren Resten von Fesseln. Den Schutz der Unterarme bildet — noch niemand hat es als bemerkenswert überliefert — Armleder. Da ist der Ausdruck gefallen: Armleder, wie wir sie noch heute von sehr englisch anmutenden Sportjacken kennen.

Aber hier wurden sie an Stelle von metallenen Armschienen verwendet, offenbar von Leuten, die das Geld nicht hatten, sich eine richtige Rüstung mit Armschienen aus Metall anzuschaffen, nämlich von Bauern.

Wie kommen die Bauern zum Ritter und umgekehrt? Da muss man schon in die Wirtschaftsgeschichte des Jahrhunderts steigen, wie Hellmut G. Haasis sie uns erklärt.

Um sind wir in einer Zeit, da die Geldwirtschaft den alten Tausch von Gütern und Leistungen zu verdrängen beginnt. Die Ritter auf dem Land geraten in Bedrängnis, weil sie von den Zinsgütern Naturalien und Renten nur in gleichbleibender Höhe beziehen, die sich ausbreitende Geldwirtschaft aber die Preise steigen lässt. Der Bauer war schon verschuldet, jetzt musste sich auch der Ritter verschulden.

Aber dieser Schutz war dürftig, bald begannen Territorialherren und Grossgrundbesitzer ebenfalls gegen die Zinslasten aufzubegehren. Und der Kaiser, der seinerseits in Geldnöten steckte, liess sich den Judenschutz, für den er den sogenannten Judenpfennig als Kopfsteuer erhob, von Städten abkaufen, die auf ein funktionierendes Kreditwesen angewiesen waren. Das ergab eine unheilvolle Konstellation für die Juden, die nach allen Seiten eben auch als Kreditbanken funktionierten.

Zugleich drohte er an, den Umgang mit Juden in Zukunft durch Kirchenstrafen zu ahnden. Jetzt begannen wahrhaft grässliche Judenverfolgungen, die bald über das fränkische Gebiet hinausgriffen.

Die ältesten, auf deutsch geschriebene Chronik aus Colmar vermerkt sie und sagt auch, dass die Juden in Niederfranken von einem erschlagen wurden, der sich König Armleder nannte, denn mit Armleder waren er und seine Gesellen bewaffnet.

Dem schon genannten Klaus Arnold gelang der Nachweis, dass es sich bei diesem selbsternannten König um den Ritter Arnold von Uissigheim handelte, dessen Grab er dann beschrieb. Die fatale Allianz zwischen verschuldeten Bauern und verarmten Mitgliedern des niederen Adels flammte auch wieder auf, griff in die Bistümer Strassburg und Basel hinüber.

Von Zabern bis Belfort, Delle und Pfirt wurde gemordet, am Januar zum Beispiel in Rufach. Auch sie nannten sich jetzt Armleder.

Schutz fanden die Juden nur in den Städten, weil die städtische Bürgerschaft auf das Finanzwesen der Geldverleiher angewiesen war und die städtischen Magistraten die Juden als Steuerzahler schätzten. So kam es denn auch dazu, dass solche Bauernheere unter adliger Führung gewisse Städte recht eigentlich belagerten, am besten sind wir im Fall von Colmar dokumentiert.

Eine historische Beurteilung der Armlederbewegung ist auch heute noch schwierig. Denn diese wirtschaftlich bedingte Bauernrevolte ist zu schrecklich mit Judenverfolgungen belastet, als dass man in ihr einen Freiheitskampf der Bauern sehen könnte, sozusagen einen Vorläufer der späteren Bauernkriege.

Die Städte ihrerseits kannten Judenverfolgungen, so etwa Basel im Jahr Als aber die Stadt vom Erdbeben heimgesucht wurde, gab es Leute, die dieses Unglück als Strafe für den Judenmord betrachteten.

Umgekehrt erzählte man sich noch bis ins Jahrhundert, dass das Grab des ersten Königs Armleder wundertätig gewesen sei. Ihr Mann fiel in Basel durch grobschlächtige Scherze und eigentliche Possen auf, verschwand bald in Richtung nach verschiedenen europäischen Kasernenhöfen. Sie aber blieb bis , also fast 30 Jahre, in der Stadt und führte so etwas wie einen literarischen Salon und private Hofstaat. Sie war befreundet mit dem damaligen Bürgermeister Peter Burckhardt — einer ihrer Briefe an dessen Gattin ist auf dem Staatsarchiv erhalten geblieben.

Wer war dieses Fräulein von Bärenfels? Vielleicht sollte man zuerst fragen, was es überhaupt mit dieser Familie von Bärenfels auf sich hatte. Da trifft man auf eine Namen, der in der Basler Geschichte — und in der Geschichte des Dreilandes — eine erhebliche Rolle spielte, und zwar während Jahrhunderten. Die Stammtafel derer von Bärenfels beginnt mit einem Ritter Albert, nachgewiesen von , der sich noch Vogt von Branbach wohl Brombach?

Dass ein Geschlecht in der männlichen Linie sechs Jahrhunderte lang in der gleichen Region nachweisbar ist und immer wieder politische Funktionen ausübte, ist alles andere als alltäglich, war das auch für frühere Zeiten nicht.

Man hat es hier mit einer im besten Sinn alten Basler Familie zu tun, freilich einer adligen, die schon die Neugierde des ersten Stadthistorikers Christian Wurstisen weckte. Die Bärenfels waren Ritter, das heisst Adlige, und wenn man die Ehepartner sowohl in der männlichen wie weiblichen Linie nachschaut, stellt man fest, dass sie sich durchaus standesgemäss zu verheiraten trachteten.

Sichtbar wird ein dichtes Netz von adligen Familien zwischen der baslerischen Bürgerschaft, dem Fürstbischof und den mächtigeren Herren wie den Markgrafen, Habsburgern oder Burgundern am Oberrhein. Manchmal fragt man sich, warum der Basler Bischof oder eben auch die in Zünften organisierte Stadt nicht eine viel expansivere Territorialpolitik betrieben haben. Sie konnten es nicht, weil der Ring dieser Adelsfamilien rund um die Stadt familiär und territorial, aber auch militärisch eng und klug geknüpft war, und weil diese adligen Ritter bald dem Bischof, bald der Bürgerschaft, bald aber auch den grösseren Herren wie den österreichischen Erzherzögen zudienten.

Markus Lutz, der unermüdliche geschichtsforschende Pfarrer auf der Landschaft nach der Französischen Revolution, meint, dass die Familie Bärenfels sogar schon um in Basel ansässig war. Johans der Vogt von Brambach wird als Joh. Arnold oder Erni III. Seine Söhne Johans IV. Gegen Ende des Jahrhunderts, mit Melchior I.

Bei weiteren Nachkommen findet sich auch der Titel eines Herrn von Burgfelden. Aesch, Arisdorf, Hegenheim, Burgfelden, Grenzach — da sieht man geradezu geografisch, wie der Ring beschaffen war, in dem eine solche Basler Adelsfamilie um die Stadt herum sass. Sie residierte auch in der Stadt selber. Jahrhundert immer wieder auf. Das Schloss von Hegenheim war lange Jahre so etwas wie der Stammsitz des einen Familienzweiges; ein Hannibal von Bärenfels verkaufte der jüdischen Gemeinde von Hegenheim einen Acker auf dem heute noch der über Jahre alte jüdische Friedhof liegt.

Wenn man sich fragt, wie in früheren Zeiten solche über Generationen wirkende Familien von den Zeitgenossen empfunden wurden, fehlen einem die Vergleichsmassstäbe.

Unsere heutigen Familienstrukturen sind sehr anders und kurzlebiger geworden; das neue Eherecht und das Erwerbsleben haben mit patriarchalischen Sippen aufgeräumt. Vielleicht muss man einfach den Blickpunkt etwas verlagern, dann findet man den grossen Firmen ähnliche, die Jahrzehnte und Jahrhunderte überdauernde Mächte.

Es tönt vielleicht merkwürdig, aber könnte doch zutreffen: Eine Familie von Bärenfels hat man vor Jahren vielleicht so empfunden, wie wir heute eine über Jahre alte Bank oder eine schon über Jahre alte Chemieunternehmung empfinden.

Man muss mit ihr rechnen, man kann ihr zudienen, und einiges vom privaten Wohlergehen hängt eben auch vom Schicksal einer solchen Unternehmung ab. Er starb kinderlos , das Uhrwerk der Basler Adelsgeschichte war abgelaufen. Schlettstadt, im nördlichen Grenzbereich des Dreilandes gelegen, macht den Eindruck einer Stadt, an der die sogenannt modernen Zeiten gnädig vorbeigeeilt sind. Baulich und künstlerisch ist viel Schönes übriggeblieben, hier haben sich die Jahrhunderte oft glücklich verheiratet.

Die ganze Stadtanlage, in der Struktur intakt, ist geradezu ein Prototyp der oberelsässischen Städte. Die Basler, Mülhauser und Freiburger können in Schlettstadt nachschauen, wie es bei ihnen auch einmal ausgesehen haben muss, was sie also alles verloren haben durch Kriegsunglück oder eigenen Unverstand. Fides eine romanische Kirche mit später dazugebauten Türmen und St.

Georg ein Werk der Gotik dominieren die Stadt; diese beiden Kirchen sind nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Was haben sich diese Städte zwischen dem Jahrhundert doch alles geleistet — und St.

Georg schaut sich im Innern an wie der Zwillingsbruder des Basler Münsters. Und jetzt tauchen wir in die Schulgeschichte. Zwischen den beiden grossen Zentren Strassburg und Basel, beide von Bischöfen und deren Dienstadel bewohnt, liegt dieses Schlettstadt, eine alte Reichsstadt.

Sie braucht Pfarrer und Kleriker nicht allein, um Messen zu lesen, sondern um eben auch die administrativen Geschäfte — heute würde man sagen: Also gibt es dort eine Lateinschule, vermutlich seit dem Ende des Das Latein lernt man nicht in der Bibel und kaum der Kirchenväter wegen; Latein ist die administrative Aktensprache, Latein ist zugleich, wie heute das Englische, die wissenschaftliche Weltsprache.

Wenn der Schlettstädter nach Polen oder Spanien, nach England oder Italien einen Brief schreiben musste, brauchte er Latein, weil er dann sicher war, dass der Empfänger ihn verstand, und er sich mit seiner Lateinkenntnis schon ausgewiesen hatte. Die Handwerker-, Bauern- und Bürgerkinder mussten, ohne jede Vorkenntnis, zuerst einmal das lateinische Lehrbuch, das sie noch gar nicht verstehen konnten, absatzweise auswendig lernen.

Wer es nicht schaffte, kriegte Prügel. Und dann erhielten sie grammatikalische Erklärungen wieder nicht anhand von lateinischen Originaltexten, sondern anhand von antiken bis spätmittelalterlichen Kommentaren.

Es wäre so, wie wenn wir heute Englisch mit englisch geschriebenen Shakespeare-Kommentaren aus dem Nach werden plötzlich — nicht nur im Elsass, nicht nur in Basel, sondern in ganz Europa — Schulreformen aktuell.

Hier waltet eine Gesetzmässigkeit, die über die Mediengeschichte weit in die Kultur- und Geistesgeschichte weist: In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts nämlich beginnt sich der Buchdruck, von Strassburg und Mainz kommend, im Rheintal und gerade auch im Dreiland auszubreiten. Wenn ich als Drucker die Technik der typografischen Vervielfältigung herausgefunden habe und mir jetzt überlege, wo ich einen Abnehmerkreis für Bücher finden könnte, liegt die Schule ganz nah — Schüler brauchen eben Schulbücher.

Bis zur Erfindung des Buchdrucks musste der Lehrer das Lehrbuch diktieren; nach der Erfindung des Buchdrucks konnte er es verteilen. Die Gutenberg-Bibel ist zwar das berühmteste Druckwerk der Weltgeschichte, aber nicht ihr erstes; vorausgegangen sind ziemlich sicher Schulbücher. In Schlettstadt kommt ein Glücksfall dazu.

Junge Schlettstädter nämlich, die in Heidelberg studierten, empfahlen ihrem Magistrat als Rektor der Lateinschule einen aus Paderborn stammenden Kleriker namens Ludwig Dingenberg. Der wurde auch berufen. Sofort begannen die Schlettstädter Lateinschüler Kirchenväter und Klassiker zu lesen, Dingenberg dichtete auch selber auf lateinisch , so etwa ein Gedicht über den Untergang Karls des Kühnen von Burgund.

Der wahre Glücksfall für Schlettstadt aber bestand darin, dass nun über 80 Jahre hinweg ein verständiger, pädagogisch interessierter und wahrhaft gebildeter Rektor dem andern folgte — Crato Hofmann, Hieronymus Gebwiler, Oswald Bär, Johannes Sapidus —, und dass die Schüler ihrer Schule verbunden blieben, sich in gelehrten Gesellschaften noch in Strassburg und Basel fanden, auch als kaiserliche Beamte, Drucker, Historiker, Juristen und Kirchenreformatoren die persönlichen Kontakte behielten und sich einer gemeinsamen geistigen Disziplin verpflichtet fühlten.

Jakob Wimpfeling und Beatus Rhenanus sind die glänzendsten Namen. Dank dem ersten verbreitete sich die neue Pädagogik in gedruckter Form durch ganz Deutschland, so dass er als der Praeceptor Germaniae, der Unterweiser Deutschlands, schon zu Lebzeiten galt. Der zweite, Rhenanus, war der wohl wichtigste Vermittler des auf das Latein gegründeten oberrheinischen Humanismus. Ohne ihn wäre Erasmus nicht nach Basel gekommen. Und so dichtete dieser damals berühmteste Autor der Welt selber das Lob von Schlettstadt: Und was ist geblieben?

Eine Ausstrahlung, ohne die die Rolle Strassburgs und Basels als Buchdruckerstädte, die geistigen Auseinandersetzungen im Reich des Kaisers Maximilian, die Zuwendung Basels zur Eidgenossenschaft und die Kirchenreformation am Oberrhein kaum verständlich wären.

Zugleich — und das ist beinahe ein Wunder — eine fast vollständig erhaltene Schulbibliothek mit Jahre alten Schulheften und Akten, aufbewahrt in der Humanistenbibliothek von Schlettstadt, zusammen mit der so gut wie intakten Büchersammlung des Rhenanus.

Aus diesen Beständen lässt sich ablesen, was eine Schulreform bewirken kann, wenn sie auf ein eindeutiges Lehrziel ausgerichtet ist, eine geistige Disziplin über Generationen begründet, pädagogisch verständnisvoll vorgeht und aus ihren besten Schülern von heute die Lehrer von morgen zu machen versteht.

Eine natürliche Grenze ist eine solche, die die Natur in Form von Hindernissen gesetzt hat: Aber ein Fluss ist keine natürliche Grenze, sondern schafft sogar eine besonders intensive Nachbarschaftszone.

Er ist keine natürliche, aber eine politisch sehr praktikable Grenze. Statt eines Striches auf der Landkarte markiert ein lebendiges Gewässer die beiderseitigen Territorien.

Grossbasel und Kleinbasel sind durch den Rhein weniger getrennt als vielmehr zusammengehalten. In solchen Nachbarschaftszonen wechseln die Leute gern und oft die Seiten. Gerade Basel ist undenkbar ohne die Zuwanderer aus dem Elsass und aus Süddeutschland. Zuwanderer sind häufig unternehmenslustig und einfallsreich. Und wenn sie sich an einem Ort niederlassen, bringen sie ihre Kenntnisse und Fähigkeiten mit. Diese vererben sich weiter.

Zuzüger, oft sogar Flüchtlinge und Asylsuchende, können schon in der ersten Generation wirtschaftlich blühende Gewerbe und Unternehmungen schaffen, die eine Generation später zur Zierde ihrer neuen Heimat geworden sind. Ohne süddeutsche und elsässische Zuzüger wäre Basel nie die in der Renaissance hochangesehene, mit Mainz und Venedig, Paris und Nürnberg konkurrierende Druckerstadt geworden.

Der damalige Drucker war in der Regel auch der Verleger, dazu meistens auch der Herausgeber, Lektor und Korrektor des durch ihn publizierten Werkes. Die Basler Druckgeschichte ist eine Zuzügergeschichte. Warum die Leute nach Basel kamen, ist nicht eindeutig zu beantworten.

Aber es war eine Stadt, in der vor einer Generation ein Konzil abgehalten worden war. Es besass eine Universität, zählte Papierfabrikanten unter seinen Betrieben, verfügte über Goldschmiede und Stempelschneider, die auch Buchstaben herstellen konnten. Es war eine von der bischöflichen Herrschaft schon weitgehend emanzipierte Bürgerstadt, unabhängig von fürstlichen Launen. Und es verfügte über Kapital, das nach Anlagen suchte.

Das war für den Buchdruck eine wichtige Voraussetzung, weil man ja, bevor sich das Buch verkaufen liess, die Lettern und das Papier, die Druckwerkzeuge und die Druckerschwärze finanzieren musste.

Auch die Druckgesellen wollten im Lauf der Drucklegung bezahlt sein, die Erlöse kamen aber erst herein, nachdem das Buch fertig gedruckt und manchmal auch noch gebunden worden war. Ohne kapitalistische Vorfinanzierung war kein Buchdruck möglich. Die ersten Drucke mit beweglichen, gegossenen Lettern stammen von Gutenberg, vielleicht aus seiner Strassburger Zeit während der Armagnaken-Kriege am Oberrhein. Nachher wird Mainz zur Wiege der Buchdruckerkunst.

Aber Gutenberg überwirft sich mit dem neuen Stadtherrn und seinen eigenen Partnern, er zieht nach Eltville im Rheingau. Es handelt sich hier um speziell entwickelte und auf den Einsatzzweck angepasste Kautschukmischungen, die mit Lösemittelfarben, Wasserfarben oder UV-Farben arbeiten.

Der Tiefdruck ist ein Druckverfahren, bei dem die druckenden Elemente durch chemische oder mechanische Verfahren vertieft auf den Druckformzylinder übertragen werden. Die Näpfchen wurden früher durch Ätzung, heute durch mechanische Gravur mittels kleiner Diamantstichel oder Lasergravur erzeugt. Beim Druckvorgang wird der Druckformzylinder mit relativ dünnflüssiger Druckfarbe eingefärbt und die überschüssige Farbe durch eine Rakel blank vom Zylinder abgestreift.

Die Farbe für den Druckvorgang bleibt daher nur in den vertieften Stellen des Zylinders zurück; es drucken also nur diese Partien. Durch hohen Anpressdruck erfolgt die Übertragung der Farbe auf den Bedruckstoff. Die Farbauftragsmenge für einen Abbildungsbereich wird durch die Tiefe der Näpfchen bestimmt. Den hohen Kosten der Druckform stehen geringe Kosten im Auflagendruck gegenüber. Besonders für den Dekordruck ist die Möglichkeit des nahtlosen Endlosdrucks von Bedeutung. Beim Flachdruck liegen druckende und nichtdruckende Partien in einer Ebene.

Das Prinzip basiert hier auf dem chemischen Gegensatz von Fett und Wasser. Die druckenden, fettfreundlichen Partien werden mit Tusche, Fettkreide, Fettstiften oder auf fotografischem Wege aufgetragen und nehmen Farbe an. Die druckenden Flächen werden als lipophil , die nichtdruckenden als hydrophil bezeichnet. Dabei stellt der Offsetdruck eine Weiterentwicklung des Steindruckes dar, indem indirekt über ein Gummituch gedruckt wird. Sonderformen des indirekten Flachdrucks benutzen statt eines Gummituchs Umdruckpapier oder -folien.

In der Praxis werden heute Bogen- und Rollenoffsetdruckmaschinen eingesetzt. Tageszeitungen, Massendrucksachen, Zeitschriften und Verpackungen sind mit hohen Auflagen oder Umfängen im Rollenoffsetdruck wirtschaftlich. Plakate, Fotobücher, Werbedrucksachen oder hochveredelte Druckerzeugnisse werden bei kleinen bis mittleren Auflagen im Bogenoffsetdruck wirtschaftlich und mit hoher Qualität hergestellt.

Das bekannteste Durchdruckverfahren ist der Siebdruck oder die Serigrafie , bei der die Druckfarbe mit einem wischerähnlichen Werkzeug, die Gummirakel, durch ein feinmaschiges textiles Gewebe hindurch auf das zu bedruckende Material gedrückt wird.

Das Gewebe trägt eine Schablone aus Kunststoff, zu deren Herstellung die gesamte Fläche des gespannten Gewebes mit einem Fotopolymer beschichtet und über einen positiven Film mit dem zu druckenden Motiv belichtet wird.

Das Fotopolymer erhärtet an den nicht druckenden Stellen, das unbelichtete Material wird ausgewaschen. Beim Druckvorgang tritt die Druckfarbe nur dort durch Gewebe, wo dieses freigewaschen wurde. Im Siebdruckverfahren können die unterschiedlichsten Materialien bedruckt werden, sowohl flache Folien und Platten als auch geformte Objekte, wie Flaschen, Kunststoffbehälter und Kleidungsstücke. Dazu verwendet man je nach Material spezielle Druckfarben.

Im Vergleich zu anderen Druckverfahren ist die Druckgeschwindigkeit relativ gering. Der Siebdruck ist ein direktes Druckverfahren. Zwischen Druckform und Bedruckstoff besteht ein Zwischenraum von ein bis wenigen Millimeter, der nötig ist, um den Absprung zu ermöglichen. Diese Siebabsprunghöhe wird lokal und temporär dort aufgehoben, wo die Rakel das Sieb so weit niederdrückt, dass die Schablone auf dem Bedruckstoff aufliegt.

Hier werden in diesem Moment die Konturen abgedichtet und die Farbe auf den Bedruckstoff übertragen. Bewegt sich die Rakel weiter, hebt sich das gerade überstrichene Gewebe mit Schablone wieder an. Beim Schablonendruck ohne tragendes Sieb muss die Schablone selbst ausreichend fest sein und ist beispielsweise aus Stahl gefertigt und direkt in den Rahmen gespannt.

Wie beim Stencil sind die möglichen Druckbilder eingeschränkt. Eingesetzt wird dieses Verfahren beispielsweise zum Aufbringen der Lotpaste bzw.

Ein Zusetzen von Maschen mit Druckpastenbestandteilen — wie es beim sonst nahezu identischen Siebdruckverfahren möglich ist — kann nicht auftreten. Beim Siebdruckverfahren hingegen können dank des tragenden Siebes auch Nichtbildstellen dargestellt werden, die von Bildstellen vollständig und lückenlos umschlossen sind.

Der Tampondruck ist ein indirekter Rakel-Tiefdruck. Die Vorlage wird mit Hilfe eines Tampons aus porösem Silikonkautschuk von einer Fläche Tiefdruckform auf einen Gegenstand, zum Beispiel Tasse, Kugelschreiber übertragen und kann damit auch auf unebene Bedruckstoffe appliziert werden. Deswegen wird der Tampondruck besonders bei der Produktion von Werbegeschenken verwendet, ebenso bei der feinen Bedruckung von Modelleisenbahnen und Zifferblättern von Uhren und bei der Beschriftung elektronischer Bauelemente und Schalter.

Der Stempeldruck ist eins der ältesten Druckverfahren, bei dem die einzelnen Druckformen auf den Druckstoff aufgedrückt werden. Stempeldruck ist ein Flexodruckverfahren und als solches dem Hochdruck zuzuordnen. Die Frottage ist vermutlich das älteste farbige Druckverfahren. Die Schriften des Konfuzius — v. Die Pigmentfotografie ist als selbständiges grafisches Verfahren im Gegensatz zum Pigmentdruck anzusehen.

Beim Pochoir , auch Stencil oder Schablonenkunst genannt, werden Grafiken und Texte mittels Schablonen aufgetragen und gilt als eine der ältesten industriellen Farbdrucktechniken.

Heute wird dort noch immer in dieser Technik gedruckt. Pochoir kommt heute in der Streetart vor und ist als eine Unterart des Graffiti zu betrachten. Dieses Druckverfahren kann im weitesten Sinne dem Siebdruck zugeordnet werden. Beim Prägedruck werden Muster in das zu bedruckende Material geprägt. Geschieht dies ohne Farbe spricht man auch von Blinddruck, Blindpressung, Blindprägung oder Gaufrieren.

Blinddruck gab es in Form von Roll- und Stempelsiegeln bereits im 4. Mit dieser entwickelten Technik war es bereits vor der digitalen Bildbearbeitung möglich, verzerrte Bilder zu erzeugen. Laserdrucker oder Zeilendrucker werden nicht zu den NIP-Verfahren gerechnet, da dort die Farbübertragung ohne Druckeinwirkung auf das Papier nicht erfolgen kann.

Typendrucker sind zum Beispiel sogenannte Transferdurchdrucker und stellen eine Prinzipmischung aus Buchdruck und Siebdruck dar. Sie haben Formbestandteile Typen , weisen aber nicht die typische Gesamtformkonstellation einer Druckmaschine auf. Der klassische Laserdrucker ist zu den elektronischen Flachdruckverfahren zu rechnen. Er hat durch die Abbildung des Druckbildes auf der Tonertrommel eine Druckform, wenn auch nur eine temporäre. Beim Thermodirektdruck wird das Druckergebnis durch punktuelle Hitzeerzeugung statt durch mechanischen Anschlag oder Andruck erreicht.

Es findet ein temperaturempfindliches Spezialpapier Verwendung, das sich bei Erhitzung schwärzt. Der Thermodruck wird häufig in Registrierkassen und wurde früher auch in Faxgeräten eingesetzt. Im Jahr führte der japanische Gerätehersteller Brother ein zweifarbiges Thermodruckverfahren für Beschriftungsgeräte mit Schwarz und Rot ein. Hierzu wird ein spezieller Drucker eingesetzt, der durch Erwärmung des Druckkopfes die Farbe von einer farbtragenden Polyesterfolie, Ribbon genannt, ablöst und auf ein spezielles Retransferband überträgt.

Von diesem Retransferband wird dann eine Folie auf das zu bedruckende Medium aufgeschmolzen. Durch diese Zwischenübertragung ist eine hohe Auflösung möglich und der Druck kann vollflächig erfolgen. Daher können auch kleine Stückzahlen in fotorealistischer Qualität bedruckt werden. Der Thermosublimationsdruck ist ebenfalls vom Thermotransferdruck weiterentwickelt worden. Da die Farbe kurz gasförmig ist, lassen sich echte Tonwertabstufungen ohne Rasterung erzeugen.

Eine Schwäche des Thermotransferdrucks bei Fotoausdrucken konnte dadurch beseitigt werden. Allerdings sind die Verbrauchskosten für Transferfolien sehr hoch, so dass sich diese Geräte auf dem Markt nicht halten konnten. In jüngster Zeit etabliert sich das Druckverfahren wieder bei kleinformatigen Fotodruckern als Zubehör für Digitalkameras.

Bei der Laserbeschriftung wird das zu bedruckende Material durch einen energiereichen Laserstrahl behandelt. Dabei kann es, je nach Material und Verfahren, zu chemischen Veränderungen kommen, etwa durch Verbrennung, Verfärbung, oder auch zu einem Materialabtrag.